Gartenvögel
Rotkehlchen im Garten: Revier, Wintergesang, Nistplätze und richtiges Futter
Warum Rotkehlchen im Winter singen, dir beim Umgraben folgen und ihr Revier so energisch verteidigen, wo sie brüten und wie du ihnen mit Futter und Pflanzen hilfst.
Das Rotkehlchen ist einer der beliebtesten Vögel Deutschlands. Es sieht mit seinen großen dunklen Augen und der leuchtend orangen Brust freundlich aus, kommt Menschen bei der Gartenarbeit oft bis auf einen Meter nahe und singt sogar an grauen Wintertagen. Hinter dem sanften Aussehen steckt allerdings ein erstaunlich streitbarer Charakter: Rotkehlchen verteidigen ihr Revier mit großer Entschlossenheit, auch gegen ihr eigenes Spiegelbild.
In diesem Ratgeber erfährst du, wie Rotkehlchen leben, warum sie im Winter singen, wo sie brüten und wie du sie in deinem Garten unterstützt.
Das Rotkehlchen erkennen
Das Rotkehlchen ist etwa 14 Zentimeter lang und wiegt nur 15 bis 20 Gramm. Es wirkt rundlich, besonders wenn es sich bei Kälte aufplustert.
- Gesicht und Brust: orangerot, von der Stirn bis zur Brust. Dieser Latz ist an den Seiten von einem bläulich grauen Saum eingefasst.
- Oberseite: olivbraun.
- Bauch: weißlich.
- Beine: lang und dünn, gut für das Hüpfen am Boden.
- Schnabel: dünn und spitz, typisch für einen Insektenfresser.
Männchen und Weibchen sehen gleich aus. Jungvögel haben noch keine orange Brust. Sie sind braun und überall hell und dunkel gefleckt, was sie im Gebüsch gut tarnt. Erst nach der ersten Mauser im Spätsommer bekommen sie das typische Brustgefieder.
Verwechslungsgefahr
Manchmal werden Rotkehlchen mit Gimpeln verwechselt. Der Gimpel hat aber eine schwarze Kappe, einen kurzen, dicken Schnabel und beim Männchen eine eher rosarote Brust. Auch das Buchfinkenmännchen hat eine rötliche Brust, trägt aber auffällige weiße Flügelbinden. Mehr dazu im Ratgeber Finken erkennen.
Ein Vogel mit Revier
Rotkehlchen sind ausgesprochene Einzelgänger. Außerhalb der Brutzeit verteidigt jeder Vogel, egal ob Männchen oder Weibchen, ein eigenes Revier gegen Artgenossen. Dringt ein fremdes Rotkehlchen ein, wird es zuerst mit Gesang gewarnt. Hilft das nicht, folgt Imponiergehabe mit gesträubter Brust und schließlich manchmal ein heftiger Kampf.
Die orange Brust ist dabei das Signal. Forscher haben schon vor Jahrzehnten beobachtet, dass Rotkehlchen sogar ein ausgestopftes Rotkehlchen oder nur ein Büschel oranger Federn angreifen. Deshalb kann es vorkommen, dass ein Rotkehlchen wiederholt gegen eine Fensterscheibe oder einen Autospiegel fliegt, in dem es sein Spiegelbild sieht. Wenn das bei dir passiert, hilft es, die Scheibe von außen vorübergehend zu verdecken oder mit Mustern zu versehen. Hinweise zu Glasflächen findest du im Ratgeber Vogelschlag an Glasscheiben verhindern.
Warum Rotkehlchen im Winter singen
Bei den meisten Vogelarten singen nur die Männchen und nur zur Brutzeit. Beim Rotkehlchen ist das anders. Weil im Herbst und Winter jedes Tier ein eigenes Revier hält, singen dann Männchen und Weibchen. Der Wintergesang klingt dünner und etwas wehmütiger als das Frühlingslied, ist aber unverkennbar: eine perlende, abfallende Folge hoher Töne, die wie ein kleiner Wasserfall wirkt.
Ab dem späten Winter bilden sich Paare. Das Weibchen gibt sein Revier auf und zieht zum Männchen. Dann singt wieder vor allem das Männchen, nun kräftiger und abwechslungsreicher.
Rotkehlchen singen auch gern in der Dämmerung und bei künstlichem Licht. Wer nachts unter einer Straßenlaterne Vogelgesang hört, hört oft ein Rotkehlchen und nicht, wie viele vermuten, eine Nachtigall.
Neben dem Gesang hat das Rotkehlchen einen typischen Ruf: ein hartes, schnalzendes „tick“, das bei Erregung schnell wiederholt wird, wie das Ticken einer alten Uhr. Wie du solche Rufe sicher erkennst, steht im Ratgeber Vogelstimmen lernen.
Der Begleiter beim Umgraben
Wenn du im Garten umgräbst, Unkraut jätest oder Laub harkst, dauert es oft nicht lange, bis ein Rotkehlchen auftaucht. Es setzt sich auf den Spaten, auf einen Zaunpfahl oder auf einen Ast in der Nähe und wartet. Sobald ein Wurm oder eine Larve sichtbar wird, schießt es herunter.
Dieses Verhalten hat einen natürlichen Ursprung: Im Wald folgen Rotkehlchen Wildschweinen und anderen großen Tieren, die beim Wühlen den Boden aufbrechen. Der Gärtner übernimmt im Garten diese Rolle. Diese Nähe ist kein Zeichen von Zahmheit, sondern von Schlauheit.
Was Rotkehlchen fressen
Rotkehlchen ernähren sich hauptsächlich von Insekten, Spinnen, Würmern und kleinen Schnecken, die sie am Boden finden. Im Herbst und Winter kommen Beeren und weiche Früchte dazu, etwa von Holunder, Efeu, Pfaffenhütchen, Weißdorn und Eberesche.
Am Futterplatz holen sie sich gern:
- Weichfutter aus dem Fachhandel oder Haferflocken, die mit Pflanzenöl oder Fett vermischt sind
- getrocknete Insekten oder Mehlwürmer, am besten eingeweicht
- Rosinen und klein geschnittenes Obst
- fein gehackte, ungesalzene Erdnüsse
Harte Körner wie Sonnenblumenkerne knacken Rotkehlchen dagegen kaum. Weil sie am Boden suchen, nehmen sie Futter am liebsten von einem flachen Futtertisch oder direkt vom Boden in der Nähe von Sträuchern. Achte darauf, dass Katzen sich dort nicht ungesehen nähern können. Mehr zu Futtersorten liest du im Ratgeber Vogelfutter: welche Sorte für welchen Vogel.
Brut und Nest
Wo Rotkehlchen brüten
Rotkehlchen bauen ihr Nest dicht über dem Boden oder direkt am Boden, gut versteckt. Typische Plätze sind:
- Nischen zwischen Baumwurzeln oder in Erdböschungen
- dichter Efeu an Mauern und Baumstämmen
- Hohlräume in Holzstapeln, Komposthaufen oder Trockenmauern
- alte Gießkannen, Blumentöpfe oder Eimer, die in einer Hecke liegen
- Halbhöhlen-Nistkästen mit großer, offener Front
Das Gelege
Das Nest ist eine weiche Schale aus Moos, Blättern und Halmen, innen mit Haaren und feinen Wurzeln ausgepolstert. Das Weibchen legt meist fünf bis sechs Eier, cremefarben mit rötlichen Flecken. Es brütet etwa 13 bis 14 Tage, während das Männchen es mit Futter versorgt. Die Jungen bleiben knapp zwei Wochen im Nest und werden danach noch etwa drei Wochen von den Eltern gefüttert. In vielen Jahren folgt eine zweite Brut.
Den Nistplatz schützen
Weil Rotkehlchen so tief brüten, sind ihre Nester durch Katzen, Igel, Marder und Mäuse gefährdet. Ein dichter, dorniger Strauch oder ein Stück wilder Efeu bietet besseren Schutz als eine offene Beetkante. Störe brütende Rotkehlchen nicht, auch wenn das Nest sich an einer ungewöhnlichen Stelle wie dem Gartenschuppen befindet. Wildvögel und ihre Nester sind gesetzlich geschützt.
Eine Halbhöhle für das Rotkehlchen
Wenn du Rotkehlchen einen Nistplatz anbieten möchtest, eignet sich eine Halbhöhle: ein Holzkasten, dessen Front nur zur Hälfte geschlossen ist. So kann der Vogel ein- und ausfliegen und hat trotzdem Schutz von oben und von den Seiten.
So bringst du sie an:
- Niedrig, aber geschützt: in etwa einem bis zwei Metern Höhe, gut versteckt in dichtem Efeu, wildem Wein oder einer Hecke.
- Ausrichtung: nach Osten oder Südosten, nicht in die pralle Sonne und nicht zur Wetterseite.
- Katzensicher: nicht direkt über einem Zaun, einem Mauervorsprung oder einer Fläche, von der aus eine Katze springen kann.
Eine Bauanleitung findest du im Ratgeber Nistkasten bauen, und welche Kastentypen es gibt, zeigt der Ratgeber Nistkastentypen und Einflugloch.
Zieht das Rotkehlchen im Winter weg?
Das Rotkehlchen ist ein Teilzieher. Ein Teil der deutschen Rotkehlchen bleibt im Winter hier, ein anderer Teil zieht nach Südwesteuropa und in den Mittelmeerraum. Weibchen ziehen häufiger als Männchen, die lieber im Revier ausharren. Gleichzeitig kommen Rotkehlchen aus Skandinavien und Osteuropa zu uns. Das Rotkehlchen, das im Januar an deinem Futtertisch sitzt, kann also auch aus Schweden stammen. Mehr über das Phänomen liest du im Ratgeber Zugvögel und Wintergäste.
Der Zug findet überwiegend nachts statt. Rotkehlchen orientieren sich dabei unter anderem am Magnetfeld der Erde. Die Fähigkeit, das Magnetfeld wahrzunehmen, wurde in Experimenten mit Rotkehlchen besonders gründlich erforscht.
So machst du deinen Garten rotkehlchenfreundlich
Laub und Unordnung
Rotkehlchen lieben Gärten mit etwas Unordnung. Lass im Herbst Laub unter Sträuchern liegen, schichte Reisig zu einem Haufen auf und lass eine Ecke mit Brennnesseln und Wildkräutern stehen. In solchen Ecken leben Insekten, Spinnen und Würmer, und es gibt Versteckplätze.
Dichte, heimische Sträucher
Hecken aus Weißdorn, Hasel, Liguster, Hartriegel und Wildrosen bieten Nahrung, Deckung und Nistplätze. Efeu an Mauern oder Bäumen ist ein besonders wertvoller Lebensraum, weil er im Winter Deckung und spät im Jahr Beeren bietet. Eine Pflanzenliste findest du im Ratgeber Heimische Sträucher für Vögel.
Keine Gifte
Rotkehlchen fressen fast ausschließlich tierische Nahrung, solange es sie gibt. Schneckenkorn, Insektizide und Unkrautvernichter vernichten ihre Nahrungsgrundlage und können die Vögel selbst schädigen.
Wasser
Eine flache Tränke mit sauberem Wasser wird von Rotkehlchen gern zum Trinken und Baden genutzt, besonders im Hochsommer und bei Frost. Wie du eine Tränke hygienisch betreibst, liest du im Ratgeber Vogeltränke und Vogelbad.
Katzen im Blick behalten
Weil Rotkehlchen am Boden Nahrung suchen und tief brüten, sind sie besonders gefährdet. Futterstellen sollten freie Sicht bieten, und dornige Sträucher rund um Nistplätze halten Katzen fern. Mehr dazu im Ratgeber Katzen und Vögel im Garten.
Häufige Fragen
Kann ich ein Rotkehlchen zähmen? Rotkehlchen werden an der Futterstelle oft sehr zutraulich, manche nehmen sogar Mehlwürmer von der flachen Hand. Das ist schön, aber es bleibt ein Wildvogel. Füttere nur artgerechtes Futter und lass ihm immer die Wahl, wegzufliegen.
Warum sehe ich im Sommer kaum Rotkehlchen? Während der Mauser im Hochsommer ziehen sich Rotkehlchen ins dichte Gebüsch zurück und singen kaum. Sie sind dann still und unauffällig, aber meist noch da.
Wie alt werden Rotkehlchen? Die meisten nur ein bis zwei Jahre, weil viele Jungvögel den ersten Winter nicht überleben. Einzelne Vögel erreichen ein deutlich höheres Alter.
Fazit
Das Rotkehlchen ist ein kleiner Vogel mit großer Persönlichkeit: Es singt im Winter, verteidigt sein Revier mit Nachdruck und folgt dem Gärtner beim Umgraben. Du erkennst es an der orangeroten Brust mit grauem Saum, die Jungen an ihrem gefleckten braunen Gefieder. Mit einer versteckten Halbhöhle, dichten Hecken, liegen gelassenem Laub, Weichfutter am Boden und einem Garten ohne Gift bietest du ihm alles, was es zum Leben braucht.