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ZOEVIAN Zoë · Avian – Leben mit Vögeln

Vogelarten erkennen

Zugvögel und Wintergäste: Wer im Herbst geht, wer kommt und wie Vögel ihren Weg finden

Vogelzug verständlich erklärt: Langstrecken- und Kurzstreckenzieher, Teilzieher, Standvögel und Wintergäste, wie Vögel navigieren, was der Klimawandel ändert und wann man den Zug sieht.

Von der ZOEVIAN Redaktion · · 7 Min. Lesezeit

Jedes Jahr im Herbst verlassen Milliarden Vögel Europa in Richtung Süden, und jedes Frühjahr kehren sie zurück. Die Mauersegler über unseren Dächern verbringen den Winter im südlichen Afrika, der Kuckuck fliegt bis in den Kongo, und manche Rotkehlchen in unserem Garten kommen im Winter aus Schweden. Der Vogelzug gehört zu den großen Wundern der Natur, und er findet direkt über unseren Köpfen statt.

Dieser Ratgeber erklärt, welche Vögel ziehen und welche bleiben, wer im Winter zu uns kommt, wie Vögel ihren Weg finden und wann du den Zug am besten beobachten kannst.

Warum ziehen Vögel?

Der wichtigste Grund ist Nahrung. Viele Vögel ernähren sich von Insekten, die es im mitteleuropäischen Winter kaum gibt. Mauersegler und Schwalben, die nur Fluginsekten fressen, würden hier verhungern. Im Süden finden sie auch im Winter genug Nahrung. Im Frühjahr lohnt sich die Rückkehr, weil die langen Tage und das reiche Insektenangebot im Norden ideale Bedingungen für die Jungenaufzucht bieten.

Der Zug ist angeboren. Junge Vögel, die nie zuvor gezogen sind, wissen, wann sie aufbrechen müssen und in welche Richtung. Bei vielen Arten fliegen die Jungen sogar allein, ohne ihre Eltern.

Zugtypen: Wer geht, wer bleibt?

Langstreckenzieher

Sie verbringen den Winter südlich der Sahara, in tropischen oder südlichen Teilen Afrikas. Dazu gehören:

  • Mauersegler, Rauch- und Mehlschwalbe
  • Kuckuck, Pirol, Nachtigall, Neuntöter
  • Gartenrotschwanz, Trauerschnäpper, Fitis
  • Weißstorch (ein Teil der Störche überwintert inzwischen in Spanien)

Mehr über Schwalben und Mauersegler erfährst du im Ratgeber Schwalben und Mauersegler am Haus.

Kurzstreckenzieher

Sie ziehen nur bis in den Mittelmeerraum, nach Südwesteuropa oder Nordafrika. Dazu gehören:

  • Singdrossel, Zilpzalp, Mönchsgrasmücke (teilweise)
  • Hausrotschwanz, Bachstelze, Feldlerche
  • Kiebitz, Kranich, viele Gänse

Teilzieher

Bei diesen Arten ziehen nur manche Vögel, andere bleiben. Oft ziehen eher Weibchen und Jungvögel, während Männchen im Revier bleiben. Beispiele:

  • Amsel, Rotkehlchen, Buchfink, Star, Ringeltaube

Mehr dazu in den Ratgebern Die Amsel im Garten und Rotkehlchen im Garten.

Standvögel

Sie bleiben das ganze Jahr in der Nähe ihres Brutplatzes:

  • Haussperling, Feldsperling
  • Kohlmeise, Blaumeise (überwiegend), Kleiber
  • Elster, Rabenkrähe, Eichelhäher (teils Wanderungen)
  • Buntspecht, Grünspecht

Wintergäste aus dem Norden

Für viele Vögel aus Skandinavien, Finnland und Russland ist Deutschland selbst der „Süden“. Sie kommen im Herbst und bleiben bis zum Frühjahr:

ArtWoran erkennt man sie?Wo sieht man sie?
Bergfinkorange Brust, weißer BürzelBuchenwälder, Futterstellen
Rotdrosselweißer Überaugenstreif, rote FlankenBeerensträucher, Rasen, Obstwiesen
Wacholderdrosselgrauer Kopf, brauner Rücken, „schack“-RufFelder, Obstwiesen, Gärten mit Fallobst
Seidenschwanzrosabraun mit Haube, gelbe SchwanzspitzeBeerensträucher, oft mitten in Städten
Erlenzeisiggelbgrün, Männchen mit schwarzer KappeErlen, Birken, Futterstellen
Saat- und Blässgänsegroße graue Gänse in FormationÄcker und Wiesen, vor allem im Norden und Osten
Singschwangroßer weißer Schwan mit gelbem SchnabelfleckFelder und Seen im Norden

Mehr zu Drosseln und Finken in den Ratgebern Drosseln unterscheiden und Finken erkennen.

Invasionsvögel

Manche Arten kommen nicht jedes Jahr, sondern unregelmäßig in großer Zahl, wenn in ihrer Heimat das Futter knapp wird. Man spricht von Invasionen. Der bekannteste Invasionsvogel ist der Seidenschwanz: In manchen Wintern sitzen plötzlich Trupps dieser auffälligen, beerenhungrigen Vögel in Ebereschen und Misteln mitten in Innenstädten, in anderen Jahren sieht man keinen einzigen. Auch Bergfinken, Fichtenkreuzschnäbel und Tannenhäher treten in manchen Jahren invasionsartig auf.

Wie finden Vögel ihren Weg?

Vögel nutzen mehrere Orientierungssysteme, die sich gegenseitig ergänzen:

  • Sonnenkompass: Tagzieher orientieren sich am Stand der Sonne und gleichen dabei die Tageszeit mit ihrer inneren Uhr ab.
  • Sternenkompass: Nachtzieher lernen als Jungvögel den Drehpunkt des Sternenhimmels um den Polarstern kennen und nutzen ihn als Richtungsweiser.
  • Magnetsinn: Viele Vögel können das Magnetfeld der Erde wahrnehmen. Experimente mit Rotkehlchen und anderen Singvögeln haben gezeigt, dass sie sich daran ausrichten.
  • Landmarken: Küstenlinien, Flüsse, Gebirge und bei erfahrenen Vögeln vertraute Orte dienen als Wegweiser.
  • Gerüche: Bei manchen Arten, etwa Seevögeln, scheint auch der Geruchssinn eine Rolle zu spielen.

Viele kleine Singvögel ziehen nachts, wenn es kühler ist, die Luft ruhiger und Greifvögel nicht jagen. Tagsüber rasten und fressen sie. Größere Vögel wie Störche und Greifvögel ziehen tagsüber und nutzen die Thermik, aufsteigende Warmluft, um Energie zu sparen.

Die großen Reisen

  • Der Mauersegler fliegt jedes Jahr Tausende Kilometer bis ins südliche Afrika und verbringt fast die gesamte Zeit in der Luft.
  • Der Kuckuck zieht nachts allein, auch Jungvögel, die ihre Eltern nie kennengelernt haben, weil sie von Wirtsvögeln aufgezogen wurden.
  • Der Weißstorch wählt je nach Herkunft zwei Routen: Westzieher fliegen über Gibraltar nach Westafrika, Ostzieher über den Bosporus und den Nahen Osten nach Ost- und Südafrika. Sie meiden lange Strecken über offenem Meer, weil es dort keine Thermik gibt.
  • Der Kranich zieht in großen, laut trompetenden Keilformationen über Deutschland. Im Herbst rasten Zehntausende an großen Sammelplätzen, bevor sie nach Frankreich und Spanien weiterziehen.

Wie Forscher den Zug untersuchen

Vieles, was wir über den Vogelzug wissen, stammt aus der Beringung. Dabei bekommen Vögel einen leichten, nummerierten Metallring ans Bein. Wird ein beringter Vogel später an einem anderen Ort gefangen, beobachtet oder tot gefunden, lässt sich sein Weg nachvollziehen. In Deutschland koordinieren drei Vogelwarten die Beringung. Wer einen toten beringten Vogel findet, sollte die Ringnummer, den Fundort und das Datum an die auf dem Ring angegebene Vogelwarte melden.

Heute kommen moderne Methoden dazu: winzige Geolokatoren, die die Tageslänge aufzeichnen und daraus den Aufenthaltsort berechnen, GPS-Sender für größere Vögel wie Störche, Kraniche und Kuckucke, deren Reisen man teilweise live im Internet verfolgen kann, und Radargeräte, die nachts ganze Zugwellen über Europa sichtbar machen. Sie zeigen, dass in manchen Herbstnächten Millionen Vögel gleichzeitig über Deutschland ziehen.

Vorbereitung auf die Reise

Vor dem Zug fressen sich viele Vögel regelrechte Reserven an. Kleine Singvögel wie die Gartengrasmücke können ihr Körpergewicht in wenigen Wochen deutlich erhöhen und legen Fettdepots an, die sie auf dem Flug verbrennen. Beeren von Holunder und Brombeere sind dabei besonders wichtig. Gleichzeitig mausern viele Arten vor dem Zug ihr Gefieder, damit sie mit frischen Federn aufbrechen.

Was der Klimawandel verändert

Beobachter und Forscher stellen seit Jahrzehnten Veränderungen fest:

  • Frühere Rückkehr: Viele Kurzstreckenzieher kehren heute früher im Jahr zurück als noch vor einigen Jahrzehnten.
  • Kürzere Zugwege: Manche Arten überwintern zunehmend näher an ihren Brutgebieten. Ein bekanntes Beispiel ist die Mönchsgrasmücke: Ein Teil der mitteleuropäischen Vögel zieht inzwischen nicht mehr nach Südwesten, sondern nach Nordwesten auf die Britischen Inseln, wo die Winter mild sind und viele Menschen füttern. Diese Veränderung wurde unter anderem an der Vogelwarte Radolfzell erforscht.
  • Mehr Überwinterer: Weißstörche, Hausrotschwänze, Zilpzalpe und Stare bleiben häufiger auch im Winter in Deutschland.
  • Zeitliche Fehlanpassung: Langstreckenzieher, die ihre Abflugzeit in Afrika nach der Tageslänge richten, kommen manchmal zu spät, wenn die Raupenzeit bei uns sich nach vorne verschoben hat.

Gefahren auf dem Zug

Der Zug ist gefährlich. Viele Vögel überleben ihn nicht. Zu den natürlichen Gefahren wie Stürmen, Kälteeinbrüchen und der Überquerung von Sahara und Mittelmeer kommen menschengemachte:

  • Lebensraumverlust an Rastplätzen, etwa durch Trockenlegung von Feuchtgebieten
  • Illegale Jagd und Vogelfang, vor allem im Mittelmeerraum
  • Kollisionen mit beleuchteten Gebäuden, Glas, Stromleitungen und Windkraftanlagen
  • Dürren und Veränderungen in den afrikanischen Überwinterungsgebieten

Wie du Glasflächen am eigenen Haus sicherer machst, erklärt der Ratgeber Vogelschlag an Glasscheiben verhindern.

Den Vogelzug beobachten

Wann?

ZeitWas passiert
Februar–Märzerste Rückkehrer: Kraniche, Stare, Feldlerchen, Kiebitze
AprilRückkehr vieler Singvögel, Schwalben, Kuckuck
Anfang MaiMauersegler, Pirol, Neuntöter
Ende Juli–AugustMauersegler und Störche ziehen ab
SeptemberSchwalben, Grasmücken, Greifvögel ziehen
OktoberHöhepunkt des Herbstzugs: Kraniche, Drosseln, Finken, Gänse
NovemberWintergäste sind angekommen

Wo?

  • An Küsten, Halbinseln und Inseln, wo sich ziehende Vögel sammeln
  • An Gebirgspässen und Bergrücken, die Greifvögel und Störche nutzen
  • An großen Seen und Feuchtgebieten mit Rastplätzen für Wasservögel und Kraniche
  • Im eigenen Garten, besonders in klaren Oktobernächten: Wer still draußen steht, hört die Rufe ziehender Drosseln und Rotkehlchen

Konkrete Beobachtungsorte stellt der Ratgeber Vogelbeobachtung in Deutschland: die besten Orte vor. Am ersten Oktoberwochenende findet in vielen Ländern Europas der EuroBirdwatch statt, bei dem Naturschutzverbände an vielen Orten Zugvogelbeobachtungen für alle anbieten. Wie du deine eigenen Beobachtungen der Forschung zur Verfügung stellst, beschreibt der Ratgeber Vogelzählungen zum Mitmachen.

Häufige Fragen

Woher wissen Vögel, wann sie losfliegen müssen? Vor allem die Tageslänge gibt das Signal. Eine innere Jahresuhr sorgt dafür, dass Zugunruhe auch bei Vögeln auftritt, die in Gefangenschaft ohne natürliches Licht leben.

Wie hoch fliegen Zugvögel? Die meisten Singvögel ziehen in einigen hundert bis zwei- oder dreitausend Metern Höhe. Manche Arten überqueren Gebirge in noch größerer Höhe.

Fliegen Vögel jedes Jahr denselben Weg? Viele Arten nutzen ähnliche Routen und sogar dieselben Rastplätze. Erfahrene Vögel kennen ihre Wege, Jungvögel folgen ihrer angeborenen Richtung und lernen dazu.

Kann ich Zugvögeln im Garten helfen? Ja. Beerensträucher wie Holunder und Eberesche liefern Energie für den Zug, eine Tränke hilft bei der Rast, und vogelsichere Fenster schützen vor Kollisionen.

Fazit

Vögel ziehen, weil die Nahrung im Winter knapp wird. Langstreckenzieher wie Mauersegler und Kuckuck fliegen bis ins tropische Afrika, Kurzstreckenzieher wie die Singdrossel nur bis zum Mittelmeer, und Teilzieher wie Amsel und Rotkehlchen bleiben teilweise hier. Im Winter kommen Gäste aus dem Norden, von Bergfinken bis Seidenschwänzen. Vögel finden ihren Weg mit Sonne, Sternen, Magnetfeld und Landmarken, und der Klimawandel verändert ihre Zeiten und Routen. Wer im Frühjahr und Herbst genau hinschaut und hinhört, erlebt dieses Naturwunder direkt vor der Haustür.

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